www.jeaba.de

Mitteilungen

Es war einmal eine Schule ohne Turnhalle – die Geschichte unseres größten Projekts

Bild_Turnhalle_Logo

Bild_Projekt_TurnhalleDie Dokumentation der Architekten Glass Kramer Löbbert: hier (pdf). Die Entstehung unserer Turnhalle in Bildern: hier.

Es war einmal eine Schule ohne Turnhalle – die Geschichte unseres größten Projekts

Es war einmal in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts. Das damals einzige Schulgebäude in Französisch Buchholz, nämlich die heutige rote Schule, reichte nicht mehr aus, die steigenden Schülerzahlen zu bewältigen. Also beschloss man den Bau einer neuen Schule mit allem, was dazu gehört. Nach ihrer feierlichen Einweihung Ende 1938 wurden Anfang 1939 die seinerzeit noch als graue, heute als gelbe Schule bezeichneten Gebäudeteile in Gebrauch genommen, obgleich nicht alle Arbeiten planungsgerecht abgeschlossen waren. Dann kam der 2. Weltkrieg dazwischen und Beton, Arbeitskräfte und Geld wurden an anderer, schlechterer Stelle verbraucht. Und so blieb den Buchholzern nach Kriegsende eine Schule ohne Turnhalle.

Daran änderte auch die DDR nichts. Zwar wurden von 1955 bis 1990 rund 2.500 Schulen – bestehend oft aus Schulgebäude, Schulhort und Sporthalle – neu als Stahlbetonkonstruktionen in Montagebauweise meist gleichen Typs gebaut. Aber ein Turnhallenbau wurde der grauen Schule lediglich alle drei oder vier Jahre in Aussicht und die dafür erforderlichen Mittel nicht zur Verfügung gestellt.

Neue Hoffnung brachte die Wende, würde sich doch eine Turnhalle gut in die versprochenen „blühenden Landschaften“ einfügen. Mehrfach wurden Anläufe unternommen, den Bau endlich zu realisieren. Aber immer wieder wurden diese mit dem Hinweis auf fehlendes Geld abgebrochen. Tatsächlich war aber Geld vorhanden, nämlich 817 000 Euro eines Investors – zweckgebunden für die Turnhalle.

Damit war ein breites Diskussionsfeld eröffnet: Was kostet eigentlich eine Turnhalle bzw. was soll oder darf sie kosten? Ein Blick über Pankow hinaus in die Nachbarbezirke zeigte die Bandbreite. In Zehlendorf beispielsweise wurde eine schicke Dreifelderturnhalle für unglaubliche 2,3 Mio. Euro gebaut, andere Bauten ließen vermuten, dass das Investorengeld mindestens für eine solide Einfelderturnhalle gereicht hätte. Das klamme Pankow plante nach einigem parlamentarischen Hin und Her sogar im Abgeordnetenhaus eine Zweifelderturnhalle für sagenhafte 4 Mio. Euro. Nicht wenige beschlich eine leise Ahnung, dass diese Größenordnung argumentativ gut in das Haushaltssanierungskonzept des seinerzeitigen Senators für Finanzen passte.

Leidtragende waren die Kinder. Gleichwohl musste und wollte die Schule auch unter schwierigen Rahmenbedingungen Sport unterrichten. Die alltägliche, von viel Pragmatismus und Engagement geprägte Realität sah im Wesentlichen die Durchführung in vier Varianten vor:

Variante 1:

Wenn es das Wetter einigermaßen zuließ, fand der Sportunterricht entweder auf dem Asche- bzw. Hartplatz oder auf dem benachbarten Kunstrasenplatz des SV Buchholz statt. Wenn das Wetter dies nicht zuließ, konnten manche Klassen gar kein Sport treiben. Allenfalls erfolgten gezwungenermaßen Bewegungsübungen im Klassenraum. Wenn also das Wetter schön war, ließ dieses den Hartplatz so richtig hart und zudem schön staubig werden. Statt der guten gesunden Luft atmeten die Kinder Feinstaub ein. Dies bot der Kunstrasenplatz nicht, aber dafür wurde dieser und damit die Kinder der prallen Sonne ausgesetzt. Abgesehen von diesen widrigen Bedingungen ließ der Sport nur bestimmte Sportarten und -übungen zu. Typische Hallenturnübungen wie z.B. das Klettern an der Stange entfielen.

Die Realität: Hart- bzw. Ascheplatz und Bustransfer
Die Realität: Hart- bzw. Ascheplatz und Bustransfer

Variante 2:

Einige Kinder hatten das „Glück“, die Sporthalle der roten Schule nutzen zu können. Immerhin 6 Stunden pro Woche standen dafür zur Verfügung. Zunächst mussten die Kinder etwa 900 Meter zu Fuß entlang der verkehrsreichsten Straße in Französisch Buchholz gehen und diese Straße sowie die Tramgleise queren. Das Hin- und Zurücklaufen und natürlich noch das Umziehen kosteten viel Zeit. Netto blieben 15 Minuten Sport von eigentlichen 40 Minuten übrig. Von einer Doppelstunde Sport waren es gerade mal 50 von 80 Minuten. Zudem ist die Halle ist ca. 120 m² groß, also nicht mehr als ein Gymnastikraum. Aufgrund des Mangels machten immer gleich zwei Klassen mit rund 50 Kindern in dieser Halle Sport. Das ergab dann für den Sportunterricht pro Kind gute zwei m² Fläche. Logischerweise war die Lärmbelastung enorm hoch. Der Sport hatte damit überhaupt keine ausgleichende Funktion mehr, sondern wirkte gegenteilig: Die Kinder waren nach diesen Stunden extrem aufgepuscht.

Variante 3:

Wenige Sportstunden waren in einer anderen, weiter entfernten Halle möglich. Die anderen Kinder, die ebenfalls das Glück hatten, dass in ihrem Stundenplan Hallenstunden vorkommen, wurden für den Sportunterricht mit einem Bus in diese Sporthalle gefahren. Immerhin mit einem luxuriösen Reisebus, der voll klimatisiert war. Hin- und Rückweg und Umziehen abgezogen blieb von der Sportstunde nicht mehr viel übrig. Der Schule stand in einer Dreifelderturnhalle für ca. 50 Kinder ein Feldteil zur Verfügung und auch in dieser Halle betrug das Stundenkontingent 6 Stunden. Im Ergebnis musste die ganze Schule für alle Kinder und Klassen mit 12 Brutto-Hallenstunden auskommen, von denen wegen des Aufwandes 6 Stunden netto übrig blieben. Übrigens: Der Bustransport kostete ca. 15 000 Euro im Jahr.

Variante 4:

Der Schwimmunterricht in den 2. und 3. Klassen wurde einfach zu den Sportstunden gezählt, obwohl dieser eigentlich zusätzlich angeboten werden sollte. Statistisch machte das aus amtlicher Sicht aber Sinn – wie so vieles, wenn hier und da mal die Realität nicht in das schulpolitische Weltbild passt.

Hauptzweck einer Turnhalle ist natürlich der Sportunterricht. Aber zu bedenken war auch, dass die Schule keine Aula oder einen anderen größeren Mehrzweckraum zum Beispiel für Einschulungsfeiern oder andere schulische Veranstaltungen hat. Dazu musste der Musikraum herhalten, der nur etwas größer als die Klassenräume ist. Die Einschulungsfeierlichkeiten mussten darum in drei Durchgängen stattfinden und leider immer ohne Omas und Opas, weil der Platz einfach nicht vorhanden war.

Im Jahr 2008 spitzte sich die Situation zu. Haushaltsmittel zur Finanzierung der Turnhalle waren nicht in Sicht, der Bezirkshaushaltsplan machte einen großen Bogen darum und die Prüfung alternativer Finanzierungen über Public-Privat-Partnership, auch Öffentlich-Private Partnerschaft genannt, wurde abgelehnt. Zudem unterlag der Bezirk Pankow ab 2009 einer Haushaltssperre. Der Bezirk durfte für 2009 keine finanziellen Verpflichtungen eingehen und damit keine neuen Bauvorhaben beginnen. Befürchtet wurde, dass die zweckgebundenen 817.000 Euro der misslichen Finanzlage des Bezirkes zum Opfer fallen und zweckentfremdet werden würden.

Die Antwort darauf war eine bis dahin beispiellose Mobilisierung der Öffentlichkeit durch engagierte Eltern, Kinder, Lehrer, Erzieher, Anwohner, Firmen und viele andere Unterstützer, die unter dem Motto „Schule ohne Turnhalle“ auf die Missstände aufmerksam machten. Diese Aktion wurde sogar deutschlandweit bekannt. Prominente Unterstützer bekannten sich dazu und forderten endlich den Bau der Turnhalle.

Pressekonferenz am 13. Februar 2009
Pressekonferenz am 13. Februar 2009

 

“Jawohl, die 300 Schüler sollen endlich eine Turnhalle und endlich ganz regulären Sportunterricht bekommen! Unterstützen Sie die Kinder!”

Ihre Franziska van Almsick

 

“Der Nachfolger Petri wird diesesProjekt und alle, die sich dafür einsetzen, gerne mit seinem Gebet unterstützen. Hoffentlich findet sich bald eine gute Lösung.”

i.A. Papst Benedict XVI

 

Mit Ralf Hillenberg, dem seinerzeitigen Mitglied des Abgeordnetenhauses von Berlin, dort Vorsitzender des Petitionsausschusses und Mitglied im Ausschuss für Bauen, Wohnen und Verkehr, konnte die Aktion einen leidenschaftlichen und engagierten Schirmherrn gewinnen. Seine Verdienste, das sei hier nebenbei im Nachhinein vor dem Hintergrund seines weiteren Werdegangs erwähnt, bleiben in Dankbarkeit unvergessen.

Ralf Hillenberg / Die Kinder bedanken sich bei Herrn Hillenberg
Ralf Hillenberg / Die Kinder bedanken sich bei Herrn Hillenberg

Doch Deutschland steckte da selbst bereits in einer viel gravierenderen Krise, auf die die Bundesregierung unter Anderem mit dem „Pakt für Beschäftigung und Stabilität in Deutschland zur Sicherung der Arbeitsplätze, Stärkung der Wachstumskräfte und Modernisierung des Landes“ bzw. dem Konjunkturpaket II reagierte. Das Programm sah Milliarden Euro für Investitionen vor, vor allem im Bildungsbereich, und dort insbesondere zugunsten von Kindergärten, Schulen und Hochschulen. Nun erwiesen sich die Planungen und Vorarbeiten für den Bau einer neuen Turnhalle als hilfreich, denn für die Realisierung gab es einen fest vorgegebenen Zeitrahmen.

 

Anfang März 2010 bereiteten Radlader das Baufeld auf dem Gelände hinter der gelben Schule vor. Für alle Buchholzerinnen und Buchholzer war es sichtbar: Der Bau der Turnhalle wurde begonnen. Und nach ihrer feierlichen Einweihung am 26. August 2011 lässt sich mit Stolz auf das Erreichte – vielleicht mit einem kleinen Seufzer – sagen: „Es war einmal eine Schule ohne Turnhalle…!“

Bild_Projekt_Turnhalle_4

Mehr erfahren:

  • Ausgewählte Sammlung von Schreiben, Presse, parlamentarischen Vorgängen in der BVV Pankow: hier (pdf).
  • Abgeordnetenhaus von Berlin: „Versorgung mit Schulsportstätten“ Kleine Anfrage Nr. 15/13154 vom 19.01.2006 Dr. Walter Kaczmarczyk (Die Linkspartei.PDS) Drucksache 15/13154
  • Abgeordnetenhaus von Berlin: „Sporthalle für Französisch-Buchholz“ Kleine Anfrage Nr. 16/12127 vom 07.05.2008 Andreas Statzkowski (CDU) Drucksache 16/12127
  • Abgeordnetenhaus von Berlin: „Neubau der Sporthalle für die Grundschule in Französisch-Buchholz endlich in Angriff nehmen!“ Antrag vom 02.12.2008 CDU Drucksache 16/1971
  • Abgeordnetenhaus von Berlin: „Verschwenderischer Sparkurs in Pankow?“ Nicht behandelte Mündliche Anfrage vom 19.02.2009 Gregor Hoffmann (CDU) Drucksache 16/20380
  • Abgeordnetenhaus von Berlin: „Verwendung von Konjunktur- und Europamittel für den Berliner Sport?“ Kleine Anfrage Nr. 16/13180 vom 09.03.2009 Andreas Statzkowski (CDU)Drucksache 16/13180
  • Infoflyer der Aktion “Schule ohne Turnhalle” (pdf)
  • Presseerklärungen der Aktion “Schule ohne Turnhalle” vom März 2008 (pdf), Oktober 2008 (pdf) und 13. Februar 2009 (pdf)

 

Schlussendlich muss natürlich ganz vielen Unterstützern, Förderern, Helfern etc. aus Nah und Fern gedankt werden. Viele Personen und Firmen waren Paten für die Turhalle, die hier namentlich aufgeführt sind: Patenschild (pdf)

skupinski Administrator

Post navigation

Leave a Comment